munichx-Buchtipp:
Mordkommission
Wenn das Grauen zum Alltag wird
Eine skalpierte Frau in der U-Bahn, ein totes Kind im
Müll, zerstückelte Leichenteile im Plastiksack...
Wer sich
täglich mit Mord und Totschlag auseinandersetzt, der darf
nicht zart besaitet sein. Gefragt sind Menschenkenntnis,
Einfühlungsvermögen und breitgestreute Kenntnisse von
Juristik bis Krisenintervention. Was im Kino meist als
schneller Thriller abläuft, erfordert in der Realität
Durchsetzungsvermögen und harte Arbeit. Oft sind tage-,
wochen-, ja sogar jahrelange Ermittlungen notwendig, bis
ein Täter endlich überführt werden kann. In den präsentierten
Fällen geht es vor allem um Kaltblütigkeit - wenn jemand zwischen
theoretischer und praktischer Führerscheinprüfung mal
eben einen Doppelmord begeht - oder falsch verstandene
Vaterliebe, um verräterische Internetrecherchen nach
passenden Tötungsmethoden und falsche Alibis. Richard
Thiess gibt einen tiefen Einblick in die schwierige Arbeit der
Mordermittler, bezieht dabei aber auch psychologische
Aspekte ein: Wie fühlt sich ein Ermittler, wenn er den
Täter schließlich überführt hat, wie bringt man Eltern bei,
dass ihre Tochter brutal getötet worden ist?
Mordkommission: Die Realität stellt jeden Krimi in
den Schatten!
Richard Thiess:
Mordkommission
Wenn das Grauen zum Alltag wird
dtv premium, 240 Seiten
ISBN: 978-3-423-24796-2
14,90 Euro [D]
Weitere Informationen: [ dtv.de ]
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Interview von Tina Rausch mit dem Autor Richard Thiess
Richard Thiess leitet als Erster Kriminalhauptkommissar die Mordkommission V im
Münchner Präsidium.
München gilt als eine der sichersten Städte der Welt. Nach der Lektüre Ihres
Buches 'Mordkommission' hat man einen anderen Eindruck...
Im länderübergreifenden kriminalstatistischen Vergleich rangiert München tatsächlich
weit abgeschlagen im Mittelfeld. Das liegt wohl auch daran, dass die Justiz hier noch
anders funktioniert. Bei uns muss der Bankräuber, der Sexualstraftäter oder Mörder
davon ausgehen, dass er im oberen Bereich des möglichen Strafrahmens bedient
wird, während er woanders mit minimaler Sanktion davonkommen kann. Allerdings
hat dies nur einen Einfluss auf bewusst geplante Taten.
Was genau meinen Sie damit?
Einen Totschlag im Affekt kann man nicht an München, Berlin oder Wasserburg
festmachen. Und genauso wenig stimmt es, dass alles Böse aus dem Hasenbergl
kommt und das Gute in Feldmoching wohnt. Örtliche Brennpunkte ergeben sich
allenfalls bei Delikten der Straßenkriminalität wie PKW-Diebstähle oder
Handtaschenraub. Tötungsdelikte sind hingegen meist nicht geplant und haben
keinen zwingenden örtlichen Bezug. Sie treten dort auf, wo sich die Gelegenheit
bietet. Wann und warum es im zwischenmenschlichen Bereich zur Eskalation kommt,
wird sich niemals verbindlich prognostizieren lassen. Speziell Totschlag ist ein Delikt,
vor dem unter bestimmten Voraussetzungen niemand gefeit ist.
Diese erschreckende Zufälligkeit, Opfer oder auch Täter zu werden,
beschreiben Sie sehr anschaulich. War dies mit ein Auslöser für Sie, Ihr Buch
zu schreiben?
Ursprünglich sollte es gar kein Buch werden. Als mir kurz hintereinander zwei Fälle
sehr unter die Haut gegangen sind, kam mir der Gedanke, mir das alles von der
Seele zu schreiben. Dann dachte ich mir, dass sich meine Enkel vielleicht später
einmal für meine Erlebnisse interessieren könnten. Schließlich ermutigte mich ein
Bekannter, meine Aufzeichnungen Verlagen anzubieten. Die Resonanz war
überwältigend. Dass ich als völlig unbekannter Schreiber bei dtv gelandet bin, freut
mich sehr. Das hätte ich niemals erwartet.
Mord und Totschlag haben eben eine hohe Anziehungskraft.
Das stimmt: Als Kriminalpolizist erleben Sie tagtäglich, dass die Erwähnung, man
komme von der Mordkommission, bei der Bevölkerung wie ein Zauberwort
funktioniert. Da profitieren wir von unseren Kollegen aus Film und Fernsehen -
andererseits werden dort Klischees bedient, die uns nicht nur zugute kommen.
Zum Beispiel?
Nun, im Fernsehen werden die Fälle innerhalb von 45 Minuten gelöst. Wir suchen
hingegen schon mal etwas länger nach dem alles entscheidenden Hinweis.
Gibt es da tatsächlich Beschwerden?
Direkte Beschwerden nicht, aber man hat manchmal schon den Eindruck, dass die
Leute anfangs von unserer unspektakulären Ermittlung enttäuscht sind. Bei uns wird
weder ein Hubschrauber abgeschossen noch fahren wir mit 220 auf der Autobahn.
Stattdessen sitzen wir wochenlang in unseren Büros, studieren Akten, vernehmen
Zeugen, werten Tabellen aus und hören Telefongespräche ab. Das ist nicht
besonders medienwirksam, macht aber einen Großteil unserer Arbeit aus.
Dann schauen Sie sich keine Krimis im Fernsehen an?
Einen schon, 'Columbo' - weil der alles hat, was man braucht: ein bisschen den
Kopf schief halten, genau beobachten, zuhören können, ein paar kriminalistische
Tricks und einen Bleistift. Natürlich sind heutzutage DNA-Auswertungen unerlässlich.
Doch das Wesentliche ist und bleibt, die Motive zu erkennen, das Verhalten des
Tatverdächtigen richtig zu deuten. Außerdem wendet Columbo einige legalen Tricks
an, die in der Praxis hervorragend funktionieren...
... die Sie uns aber wahrscheinlich nicht verraten werden?
Da haben Sie Recht. Es gibt leider nur noch wenige legale polizeiliche Listen. Um
diese voll ausschöpfen zu können, dürfen wir sie natürlich nicht nach außen tragen.
Apropos legal: Welche rechtlichen Dinge mussten Sie beim Schreiben
beachten?
Solange ich keine Dienstgeheimnisse preisgebe, das Urheberrechtsgesetz und die
Datenschutzbestimmungen beachte, gilt für mich wie für alle anderen Privatpersonen
das Recht der freien Meinungsäußerung. Um dennoch ganz sicherzugehen, habe ich
mein Manuskript im Vorfeld der Staatsanwaltschaft und meinem Dienstherren
vorgelegt. Beide Behörden hatten keine Einwände. Das war mir sehr wichtig, da ich
vermeiden wollte, dass wegen meines Buchs interne Bedenkenträger schlaflose
Nächte erleiden könnten.
Wie haben Sie Ihren Ton gefunden - lesen Sie beispielsweise andere
Krimiautoren?
Zurzeit ein bisschen Mankell, aber ehrlich gesagt bin ich kein leidenschaftlicher
Krimileser. Obwohl mir immer wieder auffällt, dass sich in manchem fiktiven
Tatgeschehen ein guter Ansatz für die eigene Arbeit findet, den man durchaus
anwenden kann. Krimilesen kann also auch als Weiterbildung fungieren ...
Zu Ihrer Frage nach dem Ton: Sehr gut gefallen mir die Erzählungen des
Strafverteidigers Ferdinand von Schirach, die ich kürzlich gelesen habe. Die
überraschend einfachen Rede- und Satzwendungen belegen, dass Schirach in dem
Metier einiges erlebt hat. Jemand mit mehr Abstand würde das blumiger darstellen, mehr Dramatik reinsetzen und mehr Details bringen wollen. Dabei ist das gar nicht
nötig: Die Realität ist die höchste Dramatik.
Sie sind seit über dreißig Jahren bei der Münchner Polizei - können Sie in
dieser Stadt überhaupt noch abschalten?
Tatsächlich gibt es kaum eine Straße, mit der ich keine Erinnerung verknüpfe.
Deshalb entfliehe ich in meiner Freizeit gerne in die Natur. Im Forstenrieder Park
oder im Englischen Garten kann ich gut entspannen. Ab und zu schleiche ich aber
auch abends mit dem Radl durch die Innenstadt und gehe auf Jagd - und zwar nicht
nach Tätern, sondern ganz privat nach schönen Fotomotiven.
Interview von Tina Rausch
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