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Die Burg

Die Silvestergeschichte von Martin Bettinger

Orgeln aus Eiszapfen und Zweige mit Pelzen aus Reif, die Geheimschrift gefrorener Pfützen und Atemfahnen wie weiße Fanfaren. Wir waren lange gewandert, über harte Waldwege und über sprödes, knisterndes Gras, als wir gegen Abend die Burg erreichten. Eigentlich war es nur ein Turm mit einigen Steinen drumrum, ein Schild wies trotzdem 'Zur Burg'. Die Häuser, die sich zu ihrem Fuß an die kleine Anhöhe schmiegten, schienen nicht viel jünger zu sein. Kleine Hütten, an denen alles aus dem Lot gegangen war. Mauerwerk klaffte, Regenrinnen hingen herunter, und falls eine Front irgendwann verputzt worden war, blätterte sie. Burg hin oder her, der Fleck würde kein Touristentreff werden. Es sah auch nicht aus, als hätte jemand Interesse daran. 'Zum Lottchen' stand auf der Bierreklame über einem Lokal, wir gingen hinein.

Es war nicht viel los. Einer hing über dem Flipper, einer saß, ein Bein hochgelegt, vor dem Fernseher, zwei waren an der Theke mit Karten beschäftigt. Auf einem Hocker neben der Kasse saß eine Frau und löste Kreuzworträtsel. Ihr an den Hüften schon stark über die Ufer tretendes Fleisch hatte sie in rote Leggings gegossen, ich nahm an, sie hieß Lottchen. Vera fragte nach etwas zu essen. Heute nicht mehr, sagte die Frau, es sei schon zu spät. Sie bot uns Chips an oder zwei Brezeln. "Habt ihr nicht ´n paar Würstchen?" Sie schaute mich an, als wolle sie fragen, wieso redet jetzt der Chauffeur. "Wiener mit Brot oder so." Sie schaute auf die Uhr an der Wand. "Könnt grad noch gehen. Zu trinken?" Wir bestellten Getränke. Lotte rutschte vom Hocker und fing an zu zapfen. Dabei warf sie mir noch einmal einen Blick zu. Es war kein sonderlich großer Blick. Sie schaute aus asphaltgrauen Augen, als hätte sie zwischen Bombay und Kiel schon alles gesehen. Möglicherweise war sie ihr Lebtag aus diesem Kaff nicht herausgekommen, sie hatte trotzdem alles gesehen. Auch Paare wie Vera und mich.

Wir setzten uns. Ich hatte meinen ersten Krug Bier hinter mir, als die Tür aufging und ein Pärchen eintrat. Die Frau hatte eine seltsame Figur. Ihre Hüften waren wie bei einem Jungen so schmal, dafür war ihr Busen um so mütterlicher geraten. Als reiche das nicht, hatte sie das Gewoge fast bis zum Kinn hochgezurrt. Entsprechend grub sich ihr Büstenhalter so tief in den Rücken, daß über und unter den Gummis kleine Höcker entstanden. Der Mann war normal gebaut. Er hatte die Haare stark pomadisiert, so daß die Schraffur des Kamms nicht mehr wegging. "Zwei Bier", sagte er an der Theke. "Mir auch", sagte die Frau. "Scheiße, jetzt tilt er!" Der Kerl am Flipper schlug mit dem Handballen an das Gerät. "Halz Maul!" Der an der Fernbedienung drückte den Fernseher lauter. Die Tür ging wieder auf, und eine Dürre auf Absätzen hoch wie Stelzen tackerte herein. Dicht dahinter eine eingesunkene Alte mit dem Handtaschenriemen quer über dem Leib. "He, Hilli", grinste der vom Fernseher rüber, "du brauchst dich bei uns nicht anzuschnallen!" Die Alte kaute etwas zurück. "As un´ Schnaps!" sagte einer der Kartenspieler an der Theke, sie zogen Asse um Schnäpse.

Die Tür ging jetzt gar nicht mehr zu, Schlag auf Schlag kamen sie. Parfumwolken, Lackschuhe, falsche Perlen, echte Perücken. Ringerohren, Trinkernasen, einer mit der gepunkteten Binde am Arm und einer mit den gesammelten Wanderabzeichen an seinem Hut. Der zweite Zapfhahn wurde herausgeklappt, der dritte, plötzlich standen vier Leute hinter der Theke, dann fünf, und zwei wurden wieder nach vorne bugsiert - Freibiergesichter. Die Tische füllten sich, die Fensterbänke, Stau vor der Theke. Eine Musikbox sprang an, ein Schifferklavier pumpte dagegen, jemand drückte den Fernseher aus. Gelächter, Grölen, Zigarettenqualm wuchs, und der erste fiel die zwei Stufen zur Tür 'Toilette' hinunter. Vera staunte. Und schaute, als säße sie vor einer Vitrine mit der Aufschrift 'Bestiarum humanum'. Eine so wilde Entschlossenheit, einen draufzumachen, hatte sie wahrscheinlich noch nicht gesehen. Auch wenn hier vielleicht niemand annahm, daß das neue Jahr besser würde, jeder war bereit, das alte mir einem rauschenden Tritt in den Arsch zu verabschieden. Ich hielt mich zurück. Ich war selbst nicht weit weg von der Sorte und konnte Veras Beobachterfreude nicht so souverän teilen. "Würstchen kann ich jetzt nicht mehr machen." Lotte sägte sich mit einem Tablett voller Krüge an unseren Tisch, "Eßt Brezeln", sie legte uns zwei Salzbrezeln hin. Vera nahm ihre und ließ sie gleich wieder fallen. "Was ist denn das?" Ihre Brezel war rundherum naß. Ich schaute zu Lotte, die sich mit ihrem Tablett weiter durchs Menschenvolk wühlte. Sie hatte die Brezeln unter der Achsel gehabt. Meine war an einer Stelle noch trocken, ich verzichtete trotzdem darauf.

Der nächste stürzte die Stufen zu den Toiletten hinunter, weiter vorne wurde inzwischen getanzt. Sie hüpften und kreisten und schoben sich rum. Vera stand schließlich auf und zog mich in dieses Karree. Groß tanzen konnte man nicht, doch man konnte sich festhalten und zwischen all den Ellbogen und Hintern versuchen, mehr Schwinger auszuteilen, als man einstecken mußte. Es war ein bißchen wie Autoscooterfahren, Vera steuerte mich. Zwischendurch kämpften wir uns immer mal an die Theke und kippten noch was. Dann schwoften wir wieder. Die Bude war wirklich am Dampfen. Alles stampfte und grölte, als warte man nur darauf, daß das Flugzeug abhob oder zusammenbrach. Als noch ein Trupp Feuerwehrleute hereinkam und ein Lied singen wollte, sagte Vera, "Ich muß an die Luft". Ich war nicht besoffen, aber jetzt kam mir alles noch schiefer vor. Die Dachbalken, die Simse, sogar der Pfosten Halteverbot hatte seinen Schlag abbekommen. Vielleicht waren es Grubensenkungen, vielleicht war ein gewaltiger Sturm über die Häuser gegangen, vielleicht wollten die Leute es so. "Mann, ich kühle gar nicht mehr ab!" Vera hielt ihre Jacke auseinander, um frische Luft darunter zu kriegen. Dann machte sie einen Hüpfschritt. "He, können wir nicht da hoch?!" Sie schaute zum Turm, der von einem Scheinwerfer angestrahlt in die frostige Nacht stand. Die einzige Senkrechte in dieser verbogenen Landschaft. Eine Rampe, zwei Stiegen, dann standen wir vor dem Eingang. "Mist", sagte Vera. Die Tür war mit einem Gitter verschlossen.

"Draht", sagte ich. "Hast du irgendwo Draht?" "Wo soll ich den haben? Im Mieder?" Ich schaute rauf an ihr, runter, dann sagte ich: "Gib mir deine Schlüssel!" "Die brauche ich noch alle, du machst sie kaputt." "Ich brauche nicht die Schlüssel, ich brauche nur den Ring, an dem sie hängen." Ich klinkte die Schlüssel aus und bog den Spiralring zurecht. Ich längte ihn, verpaßte ihm einen Bart, korrigierte, ah, es tat gut, wieder bei der Sache zu sein. Nach all dem Firlefanz wieder eine sinnvolle Tat, ich beherrschte es noch. "Madame!" Die Burgtür sprang auf. "Aber wir haben kein Licht!" "Es geht immer nach oben." "Geh vor!" Ich nahm ihre Hand, und Fuß für Fuß tastete ich mich die Wendeltreppe hinauf. Es fehlten keine Stufen, aber ab und zu war ein Stück herausgebrochen. "Was war denn das?" "Weiß nicht, Fledermäuse vielleicht." "Mann, ich komme schon wieder ins Schwitzen." Wir stiegen noch eine Weile, immer mit einer Schulter am Sandstein, dann sah man sehr schwaches Licht, dann etwas mehr, dann waren wir oben. Die Treppe öffnete sich zu einem Raum mit breiten vergitterten Scharten. Vera lehnte sich in eine davon und schaute hinaus. Ich schaute ihr über die Schulter. "Da hinten sieht man die Straße!" sagte sie. "Und ganz da hinten, sieht aus wie ein Kraftwerk!" Ihr Körper war immer noch warm, und aus der offenen Jacke stieg ihr Geruch zu mir hoch. Durch einen Rest Parfum der Geruch ihres Körpers, nach dem Tanzen war er noch stärker. "Meinst du, man sieht hier ein Feuerwerk?" Ich rutschte mit der Nase in die Kuhle zwischen Schulter und Hals. Ich wollte noch mehr von diesem Geruch, ich wollte selber so riechen. Ich sog diesen Duft in meinen Kopf, bis in die Haarspitzen sog ich mich voll. Eine Hand hatte ich neben ihr in die Nische gestützt, mit der anderen glitt ich ihr jetzt in die Hose. Sie stand nach vorne gebeugt, und es war leicht, unter den Gürtel zu kommen. Ich fuhr hinunter und folgte dem Vlies zwischen die Beine. "Hej!" kam es von Vera, aber es störte sie nicht.

Dann sagte sie: "Vielleicht hätten wir doch woanders hingehen sollen." Sie schaute noch immer hinaus, ich drückte mich an sie. "Ist dir kalt?" "Eigentlich nicht." Mir war auch überall warm. Meine Finger begannen zu wandern, hin, her, über kleine Abstände weg. Auch Vera bewegte sich jetzt, kreisend zwischen meinem Bauch und meiner Hand. Vera erregte mich immer, aber jetzt schoß etwas wie eine Welle durch mich, eine Flut, bereit, alles wegzuschwemmen, was sich ihr in den Weg stellen würde. Es stellte sich nichts in den Weg. Vera öffnete sich selbst Gürtel und Hose, um es für meine Hand bequemer zu machen. Dann griff sie nach hinten und zog mir den Reißverschluß auf. Mein Glied pochte und klopfte, Vera umfing es mit ihrer Hand. "Warte", unterbrach ich nach einem Moment. Ich strippte Vera die Hosen nach unten, drehte sie um und hob sie hoch in die Scharte. "Hier?" rief sie. "Ja!" sagte ich und drängte ihr zwischen die Beine. "So warte doch." Sie zog einen Schuh aus und stieg mit einem Bein aus der Hose. Ja, so war es besser. Viel besser. Ich glitt vor und tauchte in sie hinein. Langsam, als öffnete ich mehrere Türchen, oder die Türchen öffneten mir, ich spürte richtig, wie diese kleinen Pforten aufgingen. Dann war ich drin. Und blieb erst mal so. Die sich überschlagende Lust war einer Wonne gewichen, und die Wonne atmete aus. Sie fand sogar Luft für ein paar Worte.

"Wie spät ist es jetzt?" fragte ich. "Was?" "Wieviel Uhr?" "Warum ...?" "Meinst du, es ist noch lange!" "... du spinnst!" Sie zog mich an sich, und nach einem Moment begannen wir wieder, uns zu bewegen. Die Zeit war nicht wichtig, es war nur ein Spiel, aber sehr lange konnte es nicht mehr sein. Wir bewegten uns schneller, dann wieder langsam, es wäre fast gemütlich geworden, bis Vera sagte: "Der Stein ist so kalt!" "Besser?" Ich schob ihr die Hände unter den Sitz, und mit diesem Hintern in meinen Händen konnte ich mich nicht mehr beherrschen. Ich wurde schneller und schneller, und auch Vera hielt es nicht mehr. Sie stützte sich mit den Armen nach hinten und schlug ihren Körper in mich hinein. So würden wir Mitternacht unmöglich schaffen, ich konnte eben noch ihre Hüfte festhalten, bevor es zu spät war. Ich verharrte einen Moment, dann zog ich mich weit zurück, nur die Spitze ließ ich drin. Ich bewegte mich nicht, ab und zu spannte sich mein Körper von selbst. "Ich halt´ das nicht aus", sagte Vera. Ich ging völlig aus ihr heraus und schob mich dann wieder ein winziges Stückchen hinein. Mein Glied pulsierte und pumpte, es hielt das Warten selber kaum aus. "Mach! Los! Mach!" Vera lag jetzt am Gitter und hielt sich mit beiden Händen dort fest.

Ich wartete noch. Silvester war mir egal. Wenn ich mit Vera zusammen war, war sowieso immer Silvester. Aber ich wartete noch. Etwas in mir wollte es aushalten. Es länger aushalten als diese Frau. Ich war jetzt so gut wie draußen aus ihr. Ab und zu spannten sich meine Gesäßmuskeln; der Ruck ging durch bis zum Schaft, und durch ihn floß er in Vera. Ihr Bauch zitterte, auch ich war gespannt wie ein Bogen. Drunten hörte man die ersten Leute vor dem Lokal. Ich hielt jetzt Veras Hintern in meinen Händen wie einen Kelch. Und langsam, fast heilig, schob ich mich wieder hinein. Als ich ganz drin war, spürte ich, wie Vera ihre Füße hinter meinem Rücken verhakte. Dann sagte sie: "Fick mich!" Sie sagte nicht "Mach!", sie sagte nicht "Komm!", sie sagte "Fick mich!". Das Wort fuhr mir wie eine Nadel ins Hirn. Ich ging auf sie los, und sie gab mir jeden meiner Stöße zurück. Wir waren längst nicht mehr bei uns, wir waren jenseits, wir kämpften, zwei irre Tiere in einem Turm. Bei jedem Stoß schlug ich mit den Knien gegen die Mauer, das machte gar nichts, das machte das ganze nur besser. Ich fickte Vera, und sie fickte mich, wir nahmen das ganze Gemäuer. Was war und was kommen würde, wir stießen es weg, da war nichts mehr als das Klatschen und Stöhnen der Körper. Und irgendwann, als wir erschöpft in die Scharte sanken, explodierten unter uns ein paar Flaschen Sekt. <Martin Bettinger Aus dem Roman "Der Panflötenmann", Econ & List >

       

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