Das filmische Werk von Tobias Yves Zintel integriert verschiedene Genres wie Performance, Installation, Musik und Theater. In einer eigenwilligen Bildsprache kreiert er Filme, die uns groteske Szenarien, rätselhafte Aktionen und entrückte Universen vorstellen.
In seiner zweiten Einzelausstellung in der Barbara Gross Galerie zeigen wir den neuesten Film Mental Radio sowie Earthly Powers aus dem Jahr 2011. Beide porträtieren einen real existierenden Ort und dessen Bewohner. Architektur und Natur bilden den Speicher erlebter Zeit, der sich durch die Erzählung und Handlung der Protagonisten offenbart. Anhand von Interviews vermittelt uns Zintel Zugang zu außergewöhnlichen Lebensentwürfen. Indem er das Format des Dokumentarfilms mit inszenierten Interventionen vermischt, bleibt der Betrachter im Unklaren darüber, was Realität und was Fiktion ist.
Mental Radio ist ein filmisches Portrait über die Familie des Künstlers: seine Eltern, seinen Bruder und das Haus, in dem sie leben. Das Haus bildet den Rahmen für das soziale Konstrukt der Familie. Der Bruder ist Autist, zudem gehörlos und stumm. Tagein tagaus zeichnet er seine Lieblingstiere: Schweine. Die Kommunikation zwischen Eltern und Sohn scheint von übersinnlichen Kräften geleitet, die Zintel in Szenen von surrealer Wirkkraft visualisiert. Es sind Objekte wie ein vom Vater gebautes Baumhaus und von der Mutter gebackene Ektoplasmaskulpturen aus Baiser, die den verbalen Austausch im Haus ersetzen. Geräusche der Natur und eigens für den Film komponierte Musikstücke der Band Pollyester und Daniel Murena bilden zusammen mit dem fortwährenden Klang des Radios die Geräuschkulisse.
Titelgebend ist Mental Radio, der Buchtitel einer Versuchsbeschreibung von Upton Sinclair (1930), dessen Ehefrau telepathische Kräfte besaß. Neben dem Versuch, dem Unerklärbaren in einer Familienkonstellation auf die Spur zu kommen, verhandelt Zintel hier die Frage nach dem Umgang mit psychisch Kranken in unserer Gesellschaft.
Über den Film Earthly Powers (2011) schreibt David François Misteli: „Der Film dokumentiert die Reise der deutschen Band Pollyester in die USA. Die Reise führt in die Catskill Mountains, einer ruhigen Gegend, einst eine noble Erholungsgegend für reiche New Yorker mit einer lebendigen Musikszene, stellt sie sich einem heute nur noch als Ruinen dar. Es beginnt das Porträt einer kleinen, schrulligen Community von Künstlern, Musikern und Anderen an einem Ort, an dem eigentlich keiner mehr sein will. Zwischen Denkmal und Mahnmal oszillierend werden diese und andere aufgegebene Orte der Gegend von der Musik der Band neu bespielt.“
Tobias Yves Zintel, geb. 1975 in Passau, lebt und arbeitet in Berlin; Studium an der Akademie der Bildenden Künste München bei Joseph Kosuth. Einzelausstellungen: Mo David North Gallery, Glen Wild, New York, 2011; Honor Fraser Gallery, Los Angeles, 2010; Barbara Gross Galerie, München, 2007; Münchner Kammerspiele, 2006 & 2008; Gruppenausstellungen (Auswahl): Doris Mccarthy Gallery, Toronto, 2012; Hebbel am Ufer, Berlin 2010 & 2012; Biennale, Glasgow, 2012; Espacio Vacio, Guayaquil, 2011; Aando Fine Art, Berlin, 2011; Luxus Loft, Berlin, 2011; The Office, Berlin, 2009; Lenbachhaus, München, 2008; ZKMax, München, 2008; Städtische Kunsthalle Lothringer 13, München, 2006; Festival Paradiso, Amsterdam, 2005; Kunstbau Lenbachhaus, München, 2005; Club-transmediale, Maria am Ostbahnhof, Berlin, 2005
Videoarbeiten für Bühnenstücke seit 2005: Schauspiel Frankfurt; Thalia Theater, Hamburg; Volkstheater, Wien; Münchner Kammerspiele; Maxim Gorki Theater, Berlin; Neumarkt Theater, Zürich; Theater Basel; 2013 Bühneninstallation und Film für Der Ring, Next Generation, Deutsche Oper BerlinFilmscreenings seit 2006: Haus der Kunst, München; Städtische Galerie im Lenbachhaus, München; Centre Pompidou, Paris; Reina Sofia National Museum, Madrid; Makan, Amman; Haus der Kulturen der Welt, Berlin; Jeu de Paume, Paris
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