"Ich kann doch auch nichts dafür". "Die Geschichte der Weltwirtschaft hat bewiesen, dass auf nichts so Verlass ist, wie auf den Sieg des Freien Marktes - über die Vernunft." Als Dieter Hildebrandt in den 1980ern zu dieser Erkenntnis kam, konnte er nicht wissen, dass dieses Zitat nahezu programmatisch sein würde. "Ich kann doch auch nichts dafür" heißt folgerichtig sein neues Programm. Darin klärt er sein Publikum in der ihm eigenen Art über die zulänglich bekannten Unzulänglichkeiten des Politikbetriebs auf.
Dass aber die Entklugung auch den ganz normalen Alltag immer stärker einholt, zeigen seine Erlebnisse auf Flughäfen und Bahnhöfen. "Man kann Zeit schinden, vertreiben, totschlagen, aber auch foltern", so urteilte er einmal über die heutigen
Massenmedien.
Auf diesen Abend trifft das mit Sicherheit nicht zu!
Wir sollen nach vorne blicken. Das ist ein Satz, der tief in mir verankert ist, den meine Bundeskanzlerin immer wieder mit hohem Ernst in die Tiefe des Raumes schmettert und den ich versuche zu verwirklichen. Nach einer ihrer letzten Reden, in denen sie den Satz viermal ausstieß, habe ich mich mit meiner Frau Renate zweiundeinhalb Stunden auf das Sofa gesetzt, und wir haben zweiundeinhalb Stunden nach vorne geblickt. – Es ist uns niemand entgegengekommen.
Und noch einmal will ich nach vorne blicken. In diesem Jahr werde ich kein Buch schreiben. Ich werde ein Kabarettprogramm schreiben, spielen, lesen und, ich verspreche es, n i c h t singen. Was der Titel Ihnen verrät, weiß ich nicht. Soviel ist ihm zu entnehmen, nämlich, dass wir alle nichts dafür können. Für nichts und wieder nichts. Kann ich was dafür, wenn dort, wo nie etwas passiert, wo nie ein Krieg ausbrach, plötzlich ein Vulkan ausbricht und damit ganz Europa verascht wird? Kann ich was dafür, wenn Leute, die regieren, nicht wissen, ob Krieg ist, wenn es schießt? Ich kann doch auch nichts dafür, das die, die ich wähle, nicht gewinnen. Und nie komme ich an den heran, der etwas dafür kann, dass ein Schwachsinnsbeschleunigungsgesetz beschlossen werden soll. Komme ich an den heran, der mein Erspartes verspekuliert, obwohl er Bank studiert hat? Wenn ich in den Spiegel schaue ... kann ich was dafür? Was kann ich denn dafür, dass ich von Leuten regiert werde, die einen anderen Beruf schwänzen?
Mal sehen, was ich sage, wenn ich spiele. Aber die Drohung bleibt bestehen: Ich komme dorthin, wo Sie mich besuchen können. Und wenn Sie nicht kommen? Ich kann doch auch nichts dafür. Aber Sie!
Dieter Hildebrandt
|