David Claerbout und Barbara Hammann bedienen sich der filmischen Erfassung derselben europäischen Kulturlandschaft, um zu ganz unterschiedlichen künstlerischen Aussagen über das Verhältnis von Zeit und Raum und die Befindlichkeit des Menschen in beidem zu gelangen.
Mit „Riverside“ von David Claerbout (*1969) stellt die Sammlung Brandhorst ihre jüngste Neuerwerbung im Bereich der Neuen Medien vor. Der belgische Video-Künstler greift mit der Zweikanalarbeit bewusst kunsthistorische Themen auf, die er jedoch verfremdet und auf ungewöhnliche Weise vergegenwärtigt. In „Riverside“ ist es die Tradition der europäischen Landschaftsmalerei, die ihm als Hintergrund einer Reflexion über die Struktur von Zeit- und Raumerfahrung dient. Das manifestiert sich im Gehen und Verweilen und im Sehen und Hören, wobei die Aspekte von Bewegung und Wahrnehmung an zwei Personen delegiert und anschaulich gemacht werden. Um der Plausibilität willen bedient sich Claerbout eines Narrativs, das er auf zwei nebeneinander platzierte Filme und getrennte Tonspuren verteilt. Während die Bilder gleichzeitig wahrgenommen werden können, empfängt der Betrachter das jeweilige akustische Geschehen nur über Kopfhörer.
Die Geschichte ist denkbar einfach: Ein junger Mann hat einen Fahrradunfall und ruft in der Einsamkeit per Handy um Hilfe. Eine junge Frau (seine Freundin?) nimmt den Anruf entgegen, steigt ins Auto und fährt in das abgelegene Tal. Da dort von dem Verunglückten nichts zu sehen und zu hören ist, macht sie sich auf die Suche, während er seinerseits in der Annahme, es komme niemand, bereits davon gehumpelt ist. Beide durchstreifen das beschaulich anmutende Gelände und folgen einem sich durch das Tal schlängelnden und gluckernden Bach. Beunruhigung und Schmerz beeinträchtigen jedoch den Blick auf die schöne, geläuterte Natur. Zu verschiedenen Zeiten gelangen sie an dieselben Stellen, verweilen beispielsweise länger auf einem über das Wasser gelegten Baumstamm, treffen sich jedoch nicht und gehen in verschiedenen Richtungen davon.
Das alles erscheint, je länger der Film andauert, zunehmend unwahrscheinlich. Die so liebliche Landschaft gewinnt allmählich unheimliche Aspekte, und zwar ganz besonders, als Mann und Frau nacheinander auf eine verlassene Hütte mit einer blutenden Jagdbeute im Innern stoßen. Sie geistern ratlos und entmutigt weiter durch das spätherbstliche Land, ohne Ziel und ohne Chance, einander zu finden. Ihre Blicke richten sich auf Nahes oder Fernes und erfassen lauter Bilder, die wie Postkarten wirken und alle Klischees traditioneller Landschaftsdarstellungen aufrufen. Und auch akustisch ist ihre Wahrnehmung auf das linke bzw. rechte Ohr beschränkt.
Das Ganze ist von einer nachhaltigen Melancholie grundiert. Um das zu verdeutlichen, wird das Video auf grau getönte Wände projiziert. Die Farben verlieren damit alles Bunte und Strahlende. Die Stimmung ist so durchgängig gedämpft, und auch das macht subkutan deutlich, dass es ein Treffen der beiden, eine Rettung oder ein Happy End nicht geben wird. Insgesamt ist „Riverside“ eine Reflexion über unsere entfremdete Naturerfahrung, in der sich nur widerspiegelt, was sich auch sozial allgemein abzuzeichnen beginnt. Selbst eine so anscheinend unberührte, intakte und im herkömmlichen Sinn schöne Landschaft fungiert nicht mehr als Glücksversprechen. In blitzartig auftauchenden Szenen verkörpern sich nicht nur latentes Unbehagen, sondern auch Unglück (der Unfall), Hilflosigkeit (die Protagonisten verfehlen einander), Isolation (die gekappte Akustik), Tod (der Tierkadaver) und nicht zuletzt Einsamkeit (die verlassene Hütte, vor der die Wäsche baumelt). Das alles bündelt Claerbout zu formaler Stringenz und ästhetischer Präsenz von großer Eindrücklichkeit.
Ergänzend wird zudem eine 12-teilige Fotoarbeit von Claerbout gezeigt. Ein handschriftlicher Text des Künstlers zu den Bildern erläutert die Konzeption seiner Video-Arbeit und lässt erkennen, warum der Künstler dieses Tal (Val Bever) bei St. Moritz ausgewählt und welche Rollen er dem Fluss und den beiden Figuren zugewiesen hat. Vor allem wird die unterschiedliche akustische Wahrnehmung der beiden Gestalten nachvollziehbar und damit auch plausibel, warum die Geräusche jeweils nur über Kopfhörer vermittelt werden.
Bei der tagebuchartigen Fotoarbeit handelt es sich um eine Leihgabe der Galerie Micheline Szwajcer, Antwerpen.
Der Belgier David Claerbout ist einer der renommiertesten Videokünstler seiner Generation. Seine Arbeiten wurden mit zahlreichen Preisen gewürdigt. In der Pinakothek der Moderne waren 2010 fünf seiner Arbeiten in der Ausstellung „uncertain eye“ zu sehen.
„Riverside“ ist ab sofort im Medienraum im Untergeschoss des Museums neu zu entdecken.
Im Seitenraum ist eine Videoprojektion der Münchner Künstlerin Barbara Hammann (*1945) zu sehen. Sie hat den Titel „Lej da Segl – über zwei Jahre eine Landschaft (2006/07)“. Bei dem 2010 entstandenen Werk handelt es sich um eine Leihgabe. Hammann hat insgesamt ca. viereinhalbtausend Aufnahmen der Webcam des Hotels Waldhaus im Engadiner Ferienort Sils-Maria der Jahre 2006/07 aus dem Internet ausgewertet und zu einer Sequenz von knapp 6 Stunden zusammengeschnitten. Zu sehen ist der Silser See, der Lej da Segl, in Richtung Maloja bei wechselnden Tageszeiten und Wetterverhältnissen, und zwar in der Projektion für jeweils 5 Sekunden. Der zehnminütige Aufnahmerhythmus der Webcam mit ihrem gleich bleibenden Bildausschnitt ließ Hammann, wie sie sagt, „Veränderungen in der Natur erleben, wie ich sie im Fluss der Zeit selbst nicht wahrnehmen konnte“. Anders als bei Claerbout, der die beiden parallel gezeigten Handlungen im Film benutzt, um ein Bewusstsein für den einzelnen Moment zu schärfen, zielt Hammann darauf ab, die Wahrnehmung von Wandelbarkeit nicht nur des Selbst, sondern auch der Umwelt zu steigern: „An wie viele Bilder können wir uns erinnern? Jede Sekunde bewegen wir uns in einem anderen Umfeld, glauben aber an die Beständigkeit der Dinge und der Natur.“
Die in München lebende Künstlerin Barbara Hammann arbeitet in erster Linie mit neuen Medien wie Fotografie, Performances und Installationen. Von 1992 bis 2006 hatte sie eine Professur an der Kunsthochschule Kassel inne.
|