Der 40. Geburtstag lauert in einer dunklen Ecke. Auf jeden von uns. Die gefeierte Schauspielerin Marcelline (Valeria Bruni Tedeschi) kann es dennoch nicht fassen. In ein paar Wochen wird sie alt sein, verbraucht, verhärmt und abgestempelt als eine, mit der Männer nur noch aus Höflichkeit oder Mitleid sprechen. Parallel zur aufkeimenden Lebenskrise probt sie Turgenjews 'Ein Sommer auf dem Lande' mit dem jungen wilden Regisseur Denis (Mathieu Amalric). Der will ihre Rolle deutlich körperbetonter anlegen als die Staractrice selbst. Was zwangsläufig zu Verwerfungen führt. Im Ensemble wie im Innenleben Marcellines. Denn die beginnt, durch weinselige Abende, den jugendlichen Bühnenpartner und die nüchterne Diagnose der Gynäkologin animiert, ihr bisheriges Leben zu überdenken. Diese Bilanz fällt nicht nach Marcellines Wünschen aus: 'Heilige Jungfrau, gib mir einen Mann und ein Kind. Dann verzichte ich auch auf Ruhm und Ehre!' entfährt es ihr in der Kirche.
Schauspieler, gerade Theaterschauspieler, können manchmal ziemlich anstrengend, eitel und fordernd sein. In 'Actrices - oder der Traum von der Nacht davor' fächert Valeria Bruni-Tedeschi ein Panoptikum der menschlichen Abgründe auf. Jeder ist ausschließlich damit beschäftigt, sich selbst ins rechte Licht zu rücken. Auf der Bühne ebenso wie davor, daneben oder dahinter. So ist es kein Wunder, dass die egozentrische Marcelline ihren ebenso gearteten Kollegen zusehends auf die Nerven geht, bis die Sahnetorten klatschen.
Bruni Tedeschi beweist in 'Actrices' die enorme Kunstfertigkeit, ihre überspannte Heldin letztlich immer noch sympathisch erscheinen zu lassen. Wie auch alle anderen Figuren nie eindeutig nach einem bestimmten Schema angelegt sind, sondern überraschen und empören. Ganz wie im richtigen Leben. Vorbilder wie Woody Allen sind diesmal noch unübersehbarer als in Bruni Tedeschis Regiedebüt von 2003. Allerdings fehlen der Schauspielerin, die in Filmen von Chereau, Chabrol oder Moretti stets so viel feines Gespür für Ironie und Timing besaß, diese Eigenschaften als Regisseurin mitunter schmerzlich.