Alles ist schwarz. Und still. Nach dem stummen Vorspann dauert es eine Weile, bis die Leinwand heller wird. Langsam erscheint eine Landschaft. Man sieht Bäume, Wiesen, Zäune, und in der Tiefe des Bildes taucht ein Punkt auf. Aus dem Punkt wird ein Reiter, der sich in schnellem Galopp nähert. Im Bildvordergrund angekommen, stürzen beide und bleiben schwer verletzt liegen. Dieser vermeintliche Unfall ist erst der Anfang. Ungewöhnliche Vorfälle häufen sich. Eine Landarbeiterin kommt ums Leben, der Sohn des ortsansässigen Barons wird entführt und misshandelt aufgefunden, eine Scheune brennt, ein Bauer begeht Selbstmord, ein geistig behindertes Kind wird gequält. Das Böse tritt hier nicht offen zutage, es schleicht sich nach und nach ein. Die Suche nach den Tätern verläuft ergebnislos, nur dem Dorflehrer kommt ein schlimmer Verdacht. Warum sind die älteren Kindes des Ortes immer in der Nähe der Tatorte? Warum wirken ihre Zusammenkünfte nie kindlich-spielerisch, sondern eher konspirativ?
Michael Haneke, Regiegroßmeister so intelligenter und sperriger Filme wie 'Bennys Video', 'Funny Games' oder 'Caché', seziert in 'Das weiße Band' die Grundlagen von Gewalt. In Bildern, die anfangs idyllisch erscheinen wie alte Aufnahmen aus dem Familienalbum, zeichnet er auf, wie autoritäre Strukturen aus der Nähe aussehen. Wie der scheinheilige protestantische Pfarrer seinen Kindern ein schlechtes Gewissen einimpft und mit dem Stock gehorsam fordert. Wie der adelige Gutsherr mit seinen Arbeitern umspringt. Wie der hilfsbereite Dorfarzt seine Haushälterin demütigt. Hinter den blank gescheuerten feudalen und patriarchalischen Fassaden lauern Abgründe.
Ohne die Gewalt explizit ins Bild zu rücken, erschafft Haneke auf subtile Weise eine alles beherrschende Atmosphäre von Bösartigkeit, Neid, Stumpfsinn und Brutalität. Die Saat des Bösen, das illustriert der österreichische Regisseur in den Gesichtern der Kinder, geht auf. In einer Hierarchie, in der Macht über jeder Art von Gefühl steht, werden Kinder zu Tätern, wächst eine Generation ohne Mitleid heran. Die Brutalität durchdringt alle Gesellschaftsschichten, und Haneke beweist in prägnanten Szenen, dass Stefan Zweigs 'Welt von Gestern' am Vorabend des Ersten Weltkriegs ein sentimentales Idyll war.
Dass Demütigung, Drohung, Denunziation und Duckmäusertum zum Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie dem Nationalsozialismus führten, ist nicht neu. Man kennt das aus der Literatur, von Heinrich Manns 'Untertan' bis Erich Maria Remarques 'Im Westen nichts Neues'. 'Das weiße Band' reduziert diese Überlegungen auf die kleinstmögliche Einheit, auf die Kinder eines brandenburgischen Dorfes 1913. Auf jene also, die später die Katastrophe Hitler erst ermöglichen werden. Hanekes schonungsloser Film veranschaulicht markant, wie Kinder den erbarmungslosen Sadismus, dem sie zuhause ausgesetzt sind, weitergeben an das nächstschwächere Glied und wie letztlich eine ganze Generation dem Faschismus entgegen treibt. Die menschliche Grausamkeit, erklärt Haneke in seinem beklemmenden Film, ist von jeher im Menschen angelegt. Und es ist nur eine Frage der Zeit, wann sie ausbricht.
Mit hervorragenden Schauspielgrößen wie Burghart Klaußner, Ulrich Tukur, Josef Bierbichler, Rainer Bock, Susanne Lothar, Steffi Kühnert oder Birgit Minichmayr ist 'Das weiße Band' Haneke-typisch treffend besetzt. Am bemerkenswertesten sind aber die Kinder. Perfektionist Haneke, dessen sorgfältige Arbeit ohne Übertreibung jede einzelne Einstellung zu einem besonderen Kunstgenuss werden lässt, hat über 7000 kleine Darsteller gecastet. Die Mühe hat sich gelohnt, 'Das weiße Band' ist nicht zuletzt der eindrucksvoll agierenden Kinder wegen ein cineastischer Meilenstein geworden.