Ende der Siebzigerjahre gab Judith (Iris Berben) ihre Tochter Alice (Katharina Schüttler) zur Adoption frei, um als RAF-Terroristin in den Untergrund zu gehen. Die Tochter, längst erwachsen, hat ihrer Mutter nie verziehen. Die lebt inzwischen unter falschem Namen mit ihrer neuen Familie im Elsass und betreibt dort ein Weingut. Unter einem Vorwand nistet sich Alice im Fremdenzimmer des Gutshofes ein und fordert von Judith eine Stellungnahme. Die Ex-Terroristin erweist sich als uneinsichtig, die Forderungen der Tochter werden drängender, bis Alice schließlich die Bombe platzen lässt und der ahnungslosen Familie enthüllt, wer Judith eigentlich ist.
'Es kommt der Tag' ist ein aufwühlendes Familiendrama, das eine Menge schwer zu beantwortender Fragen aufwirft. Wie weit darf ein Mensch für seine Ideale gehen? Berechtigt die Tatsache, dass man selbst gelitten hat dazu, anderen Personen Leid zuzufügen? Glücklicherweise bleibt Regisseurin Susanne Schneider jede abschließende Antwort schuldig. Sie zeigt in ihrem kraftvollen Spielfilm vielmehr, wie gravierend die privaten Folgen einer Tat sind, die vor vielen Jahren eindeutig politisch motiviert schien.
Volker Schlöndorffs 'Die Stille nach dem Schuss' oder Christian Petzoldts 'Die innere Sicherheit', beides thematisch ähnliche Filme, die sich mit dem Leben ehemaliger Terroristen befassten, liegen schon wieder ein Jahrzehnt zurück. Susanne Schneider, Drehbuchautorin renommierter Filme wie 'Solo für Klarinette', nähert sich dem schwierigen Sujet einer politisch radikalisierten Elterngeneration und den Folgen für die Nachwelt auf eine emotionalere Weise. In der es kein Gut und Böse mehr gibt, denn das inquisitorische Geifern der Tochter übertönt längst das verbitterte Phrasendreschen der Mutter.