Er verlangt viel. Regisseur Laurent Cantet fordert dem Zuschauer einiges ab in seinem dokumentarisch anmutenden Spielfilm 'Die Klasse'. 128 Minuten lang keine Stars, keine mit Mord, Totschlag oder Liebesszenen verbrämte Handlung, keine rasanten Kamerafahrten oder Trickeffekte. Noch dazu reden die handelnden Charaktere permanent, und das nicht in einer gepflegten Hochsprache, sondern überwiegend im gewöhnungsbedürftigen Jugendjargon. Trotzdem gelang es Cantet, mit 'Die Klasse' im vergangenen Mai die Goldene Palme in Cannes abzuräumen, und zwar mit einer noch nie da gewesenen 'einstimmigen Juryentscheidung', wie Jurypräsident Sean Penn bei der Preisverleihung bekannte.
Ein Klassen- und ein Lehrerzimmer in Paris bilden die Handlungsorte dieses ungewöhnlichen Films über den zermürbenden Alltag des Mittelschul-Lehrers Francois Bégaudeau. In seinem komplexen Kammerspiel behandelt der engagierte Gesellschaftskritiker Cantet ('In den Süden') viele Themen, die den Schulalltag von Kindern mit oder ohne Migrationshintergrund bestimmen, überwiegend in sozial schwachen Gegenden: Es geht um Faulheit und Dummheit, um Selbstbewusstsein und Provokation, um Widerspruch und Gehorsam, um Grenzen, die man respektiert, und andere, die man überschreitet. Eine authentische, intensiv gespielte Diskussionsgrundlage über die Bildungsmisere der westlichen Industriestaaten und die Fehler einer inkonsequenten Integrationspolitik.