Marcus H. Rosenmüller ist erwachsen geworden. Ausgerechnet in einem Kinderfilm beweist er das mit einer unerwarteten Ernsthaftigkeit. 'Die Perlmutterfarbe' ist sein siebter Spielfilm. Seit seinem 'Wer früher stirbt ist länger tot' verstand es Rosenmüller wie derzeit kaum ein anderer deutscher Filmemacher, die Massen in die Lichtspielhäuser zu locken. Mit seinen kraftvollen, deftigen, lebensnahen Geschichten über bayerische Lausbuben, Bobfahrer und Abiturientinnen traf er den Zuschauern anscheinend mitten ins Herz. Anders lassen sich die Rekordbesucherzahlen seiner Filme kaum erklären. So unterschiedlich Rosenmüllers Filme thematisch waren, so glichen sie sich doch alle in ihrem fröhlichen Optimismus. Eine gewisse Lebensfreude strahlt auch 'Die Perlmutterfarbe' aus. Doch die kindgerechte Adaption des gleichnamigen Romans von Anna Maria Jokl aus den Dreißigerjahren kommt schon optisch anders daher als die farbenfrohen Vorgänger-Produktionen. Grau, düster und verhangen wirkt die Szenerie in der bayerischen Kleinstadt, in die Rosenmüller Jokls Geschichte sehr sorgsam verpflanzt hat. Der 13-jährige Alexander (Markus Krojer, der bereits in 'Wer früher stirbt' die Hauptrolle spielte) will unbedingt einen Malwettbewerb gewinnen, um der heftig angeschwärmten Lotte zu imponieren. Als ihm zufällig die von seinem Freund Maulwurf angemischte Perlmutterfarbe in die Hände fällt, gibt er sie nicht zurück, sondern beschuldigt indirekt einen Jungen aus der Parallelklasse. Der bestreitet die Tat, doch niemand glaubt ihm. Eine Hetzjagd beginnt, in der irgendwann keiner mehr Gut und Böse unterscheiden kann.
Jokl hat 1931 im Prager Exil ihren hellsichtigen 'Kinderroman für fast alle Leute' verfasst. Im Mikrokosmos Schule fängt das Buch die herannahende Welt des Nationalsozialismus ein. Rosenmüller kürzt, strafft und modernisiert diese Basis überlegt und phantasievoll. Mit Kindern kann er offensichtlich besonders gut umgehen: Seine minderjährigen Hauptdarsteller treibt Rosenmüller zumindest zu Höchstleistungen an. Da wird kein falscher Ton, kein überflüssiges Pathos oder gekünsteltes Auftreten sichtbar. Da wirkt alles echt, authentisch, glaubwürdig. Der heimelig klingende bayerische Dialekt steht hier in einem spannenden Kontrast zu dem, was sich die Kinder im Laufe des Films alles an den Kopf werfen. Mit seinem gewohnt sicheren Gespür für Timing und Situationskomik, gleichzeitig aber auch sehr differenziert erzählt Rosenmüller von Machtgier und Mitläufertum, von Feigheit, Verrat und dem Versuch Einzelner, inmitten der Gerüchte und Verleumdungen noch die eigene Integrität zu bewahren.