Ausgerechnet an ihrem 50. Geburtstag bemerkt Giulia ihr Unsichtbarsein. Die Männer im Bus übersehen sie und kleben ihre Blicke lieber ins Dekollete der jungen Mädchen gegenüber, die Verkäuferinnen in der Boutique nehmen sie ebenfalls nicht mehr wahr. Giulia (Corinna Harfouch), auf dem Weg zur eigenen Geburtstagsfeier in einem Restaurant, steigt kurzerhand aus dem Bus und läuft ziellos durch die Stadt.
Mit diesem melancholischen Auftakt eröffnet Regisseur Christoph Schaub seine feinsinnige Komödie über das Altern und die schwindende Schönheit. Das brillante Drehbuch stammt aus der Feder des Schweizer Starkolumnisten und Erfolgsautors Martin Suter. Im selben Ton, der seine Erzählungen und Romane unverwechselbar macht, klingt auch sein Drehbuch. Die sanft menschenfreundliche Ironie, die Suters Werk auszeichnet, blüht in den geschliffenen Dialogen, die Schaub in 'Giulias Verschwinden' so pointiert wie elegant illustriert. Denn während Giulia auf ihrem abendlichen Bummel einem Unbekannten (Bruno Ganz) begegnet und sich mit ihm in einer Bar unterhält, plaudern die wartenden Freunde der Jubilarin höchst angeregt und anregend miteinander. Angesichts des Anlasses ist man schnell bei den Spuren, die die Jahre mittlerweile ihnen hinterlassen haben: dem Bandscheibenleiden, der Gewichtszunahme, dem schlechten Gedächtnis und der Laktoseintoleranz. Der erfrischende verbale Schlagabtausch stellt die wenigen Vor- und die zahlreichen Nachteile des Alters gegenüber. Die Profile der einzelnen Figuren sind markant und durchdacht, das Ensemble von Stefan Kurt über Sunnyi Melles bis André Jung ein reiner, ungetrübter Genuss.