Nein. Den folgenlosen Kuss zwischen Mann und Frau, den gibt es nicht. Der Franzose Emmanuel Mouret, der nicht nur Regie führt in dieser intelligenten Komödie, sondern auch die Hauptrolle des Nicolas spielt, führt diese Erkenntnis in einer amüsanten Versuchsanordnung vor: Emilie (Julie Gayet) und Gabriel (Michael Cohen), beide angeblich glücklich liiert, lernen sich zufällig kennen. Man verbringt einen schönen Abend miteinander. Aber als Gabriel seine neue Bekannte zum Abschied küssen will, verweigert sie dies.
Emilie erzählt ihm die eigentlich im Mittelpunkt des Films stehende Geschichte von den beiden Naturwissenschaftlern Julie (Virginie Ledoyen) und Nicolas, die sich als Freunde küssten und damit ihr gesamtes, bisher übersichtlich geordnetes Leben durcheinander brachten.
'Küss mich bitte!' erscheint, als ob Mouret zur Vorbereitung auf diesen Film Niklas Luhmann und Pierre Bourdieu mit dem Dialogwitz eines Woody Allen und der beiläufigen Leichtigkeit eines Eric Rohmer vereinen wollte. Angeordnet ist die Inszenierung wie ein wissenschaftliches Experiment. Ebenso bewusst nüchtern sind Ausstattung, Licht und Kamera. Das erscheint anfangs ungewöhnlich und verlangsamt die Identifikation etwas. Doch hat man sich erst einmal an diese scheinbar absolut emotionsfreie Darstellung gewöhnt, erscheinen gefühligere Liebesfilme fast schon unerträglich kitschig. 'Küss mich bitte!' bricht aufs Originellste mit den Konventionen, wie Leidenschaft auf der Leinwand auszusehen hat. Mouret macht mit Hilfe von präzisen Arrangements und originellen Dialogen die Himmelsmacht der Liebe sichtbar. Ohne rosarote Wolken, süßliche Liebesschwüre und Geigenmusik im Hintergrund.