Sein Bruder
Son Frère
Der Tod kommt beiläufig. Die Blutwerte stimmen nicht mehr. Die Thrombozyten schwinden. Thomas (Bruno Todeschini), Mitte Dreißig, muss immer wieder zu neuen Untersuchungen ins Krankenhaus. Ratlos ruft er seinen jüngeren Bruder Luc (Eric Caravaca) an: „Ich bin ganz in der Nähe und komme mal kurz bei dir vorbei“, erklärt er dem verblüfften Luc. Die Brüder haben sich seit Jahren nicht gesehen, und dementsprechend abweisend verhält sich Luc anfangs. Aber instinktiv begreift er schon in diesem Augenblick die große Verzweiflung und Angst, die Thomas hinter seiner Fassade von Coolness verbirgt. Luc wird den Bruder bei seinem langsamen und qualvollen Tod begleiten, seinen Job aufgeben, um am Krankenbett sitzen, mit seinen Freunden brechen, Nächte durchwachen und dem Sterbenden den Schweiß und das Erbrochene aus dem Gesicht wischen. Und das alles nicht, weil Luc ein Held oder Heiliger ist, sondern nur, weil sein Bruder ihn darum gebeten hatte. Es ist eine seltsam bewegende Überlegung, dass heutzutage ein Mensch noch etwas ohne Hintergedanken für einen anderen tut. So gar nicht selbstverständlich und vor allem – darauf beruht das Prinzip des gesamten Films – so unspektakulär.
Patrice Chéreau konzentriert sich in seinem bis zur Beklemmung anrührenden Spielfilm völlig auf die beiden Hauptrollen. Es gibt keine Umwelt, keine Gesellschaft, kein Geld und keine Politik, es existieren nur diese zwei Menschen, die einige Monate hindurch eine lang verschüttete psychische und physische Nähe teilen. Der Filmtitel „Sein Bruder“ macht subtil zweierlei deutlich – die enorme Verbundenheit, aber gleichzeitig auch die große Distanz.
Chéreaus Film lebt von den kleinen Gesten und den unkommentierten Bildern. Wenn der kleine Bruder dem großen sanft über den Arm streicht, oder wenn die Kamera ganz nah heranzoomt an den grobmaschigen Strickpullover, unter dem Thomas’ Schultern auf einmal knochig herausragen. Nur ganz selten leistet sich Chéreau etwas Emotion inmitten seiner von Realismus geprägten Geschichte. Da schreit Thomas im Krankenhaus nach unendlich vielen Spritzen und Infusionen auf: „Ich bin doch nicht nur ein Stück Fleisch, in das ihr eure Nadeln stecken könnt!“ Im letzten Drittel des Films sieht man aus der Perspektive von Luc dabei zu, wie Thomas wieder einmal für eine Operation präpariert wird. Wie zwei Krankenschwestern mit professioneller Verbindlichkeit in Echtzeit alle Körperhaare abrasieren und den willenlosen, fahlen und abgemagerten Körper von einer Seite des Bettes auf die andere wuchten. Diese Szene, in einem wirklichen Krankenhaus mit echten Schwestern gedreht, zeigt es ohne Worte. Entgegen seiner anfänglichen Angst hat Thomas es geschafft, sich seine Würde zu bewahren – auch in dieser entwürdigendsten Situation. Er ist nackt, aber nicht schutzlos, denn sein Bruder sieht ihm zu. Und dem Zuschauer wird spätestens jetzt klar, was dieser wortkarge, spröde und auf den ersten Blick so schrecklich nüchterne Film des Theaterregisseurs Chéreau eigentlich ist: ein gigantischer und grandioser Monolog über das Lieben und Sterben.
infos über den film im internet: [ concorde-film.de ]
kinostart: 06. November 2003
[ Diese Filmkritik weiterempfehlen ]genre: Drama
länge: 88 min
Original: Son frère
Darsteller:
Bruno Todeschini, Eric Caravaca, Maurice Garrel,
Regie:
Patrice Chéreaus,
Drehuch:
Patrice Chéreaus, Anne-Louise Trividic,
Drehjahr: 2002 FSK: 12
Starttermin: [ Offizielle Website ]
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Traurig und anrührend, aber vor allem sehr lehrreich!
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Eine schockierende Geschichte, leider viel zu melancholisch für mich!
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