Gesprochen? In den früheren Filmen Pedro Almodovars wurde nicht gesprochen,
sondern
geschrien, gekreischt, gewinselt und geheult. "Frauen am Rande des
Nervenzusammenbruchs" schien nicht nur ein Filmtitel, sondern zugleich Programm und Leitmotiv
aller Spielfilme zu sein, die der spanische Exzentriker im Laufe seiner Karriere bislang drehte. Stets
waren es die Frauen, die den Mittelpunkt des Geschehens bildeten, und stets durften diese schrillen
Diven gegen sämtliche guten Sitten verstoßen und provozierend ihre Liebeleien und ihre Eifersucht
hinaus schreien. Verglichen damit schien Almodovars letzter, oscarprämierter Film "Alles über
meine Mutter" ungeheuer gebremst und reduziert ? was die Phonstärke der enthaltenen
Emotionen betraf. Zwar standen immer noch die Frauen in höchster Krise im Zentrum, aber die Dramen
rund um seine Protagonistinnen waren leiser, vielleicht dadurch auch intensiver.
"Sprich mit ihr" erinnert in seinen stärksten Momenten oft an "Alles über meine Mutter"? was nur ein großes Lob sein kann.Und doch ist diesmal alles anders, denn Almodovar
hat jetzt sozusagen die Männer entdeckt, mit all ihren unkontrollierten Emotionen, ihrer
Gefühlsstarre und ihren heruntergeschluckten Tränen. Jetzt kommen die Männer zu Wort? aber nur,
weil die Frauen im Koma liegen.
Aber der Reihe nach: Der Journalist Marco (Dario Grandinetti), frisch
getrennt, soll die Stierkämpferin Lydia (Rosario Flores) interviewen, die ebenfalls eine
beträchtliche Anzahl an Narben auf der Seele vorzuweisen hat. Die beiden verlieben sich ineinander. Doch
Lydia wird in der Arena von einem Stier angegriffen und landet ohne Bewußtsein und schwer verletzt
im Krankenhaus. Dort trifft Marco auf den Pfleger Benigno (Javier Camara), der seit Monaten
hingebungsvoll die ebenfalls im Koma liegende Balletttänzerin Alicia (Leonor Watling) pflegt. Die Tragik
ihres Daseins verbindet die beiden Männer, das weichliche Müttersöhnchen Benigno und den immer
wieder zu Tränen gerührten Marco, der sich so gerne mit der Aura des harten Machos umgibt.
Was dann passiert, lässt sich zum Teil schwer in Worte fassen. Doch
wichtiger sind ja auch die Gefühle, die Almodovar geschickt im Zuschauer auszulösen versteht: In
großartigen, hypnotischen Bildkompositionen und sanften Farben zeichnet Almodovar die bewegenden
Schicksale seiner vier Hauptfiguren auf, und auf einmal scheint der Unterschied zwischen seinen
früheren Arbeiten und den beiden letzten Filmen gar nicht mehr so gravierend zu sein. Letztlich
geht es immer wieder um die Menschlichkeit des Alltags, um die kleinen, rasch übertünchten Brüche
und die veralteten, starren Traditionen der Gesellschaft, um Liebe und Tod, um Einsamkeit,
Freude und Trauer.