Deportation, Massenvergewaltigungen, Massenmord. Das ist Hannahs Leben. Ihren Berufsalltag verbringt Hannah Maynard (Kerry Fox), Chefanklägerin des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag, mit dem Furchtbarsten, was sich Menschen antun können und angetan haben. In Den Haag sind die militärischen Auseinandersetzungen in Ex-Jugoslawien auch gut zehn Jahre nach dem Ende der Kampfhandlungen noch lange nicht vom Tisch. Dem serbischen General Duric etwa kann bis heute nicht nachgewiesen werden, dass er die Einwohner eines bosnischen Dorfes auf dem Gewissen hat. Die Aussage eines Zeugen erweist sich als gut gemeinte Lüge. Aber die Schuld muss akribisch genau belegt werden. Da zählt jeder Zentimeter, den ein Bus in einer Dorfgasse gefahren ist.
In Hans-Christian Schmids aktuellem Spielfilm 'Sturm' geht es um die serbischen Kriegsverbrechen und deren Aufarbeitung in Den Haag. Schmids Bild des Gerichtshofs ist das einer in dunklem Graublau schimmernden Maschine, in der Justitiare eilig aneinander vorbei hasten. Auf den Fluren, in Kantinen und Hotelzimmern werden die entscheidenden Fakten ausgetauscht. In einer Institution wie dieser geht es nicht um die Aussage eines Einzelnen, sondern um die effiziente Abwicklung des Falls. Der radikale Humanist Schmid zeigt, wie schwierig es ist, in diesem gut geölten Räderwerk nicht zum Schräubchen zu verkümmern, sondern Mensch zu bleiben.
'Sturm' illustriert, was es bedeutet, dem sprichwörtlich Bösen zu begegnen und dafür (nur) die Mittel eines Rechtsstaates zur Verfügung zu haben. Dafür überfrachtet er seinen Film nicht mit Theorien und juristischen Feinheiten, sondern baut sehr clever auf den höchst emotional inszenierten Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit.
In der Bildsprache ist 'Sturm' selten präzise, eher konventionell, was bei Hans-Christian Schmid so überrascht, dass man schon wieder ein Prinzip dahinter erahnen will. Jenes nämlich, den Zuschauer durch postkartenschöne Aufnahmen nicht zu sehr von der Wucht der dargestellten Schicksale abzulenken.
Der Lebenstragödie der jungen Mutter Mira (Anamaria Marinca aus '4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage') beispielsweise, die ein serbisches Vergewaltigungslager überlebt hat und nach langem Zögern Hannahs Drängen nachgibt, darüber vor Gericht auszusagen. Schmid mit seiner den Menschen auf den Leib kriechenden Kamera zwingt einen, das Monströse in diesen Erinnerungen auszuhalten. Gemeinsam mit der Richterin und dem Opfer.