Das Wunder von Bern
Fußball-Weltgeschichte
Eine Brieftaube fliegt durch die Luft. Sie wird sehnsüchtig erwartet von
ein paar Kinder. Aber sie bringt in dem an ihrem Bein befestigten
Zettelchen schlechte Nachrichten: Rot-Weiß Essen hat gegen Alemannia
Aachen verloren. Die Freunde sind enttäuscht, vor allem der elfjährige
Matthias (Louis Klamroth) kann seine Tränen kaum zurückhalten.
Sönke Wortmann ("Kleine Haie", "Der bewegte Mann") beginnt seine jüngste
Produktion "Das Wunder von Bern" mit dieser Szene, und ein hübscheres
Bild zu Beginn eines Films über Fußball lässt sich kaum denken. Der
flatternde Vogel vor blauem Himmel, die gespannten Gesichtchen der
Kleinen - Wortmann hat eine Menge Herzblut und Liebe in diesen Film
einfließen lassen, und das merkt man spätestens nach drei Minuten.
Toni Turek, Helmut Rahn, Fritz Walter, Otmar Walter, Werner Kohlmeyer,
Horst Eckel, Jupp Posipal, Max Morlock, Karl Mai - bis heute gibt es
viele Menschen, die noch die Mannschaftsaufstellung der legendären Elf
von 1954 herunterrattern können. Der Sieg der Herberger-Truppe war
damals tatsächlich eine Art Wunder für das vom Krieg gebeutelte
Deutschland. Während Rainer Werner Fassbinder in "Die Ehe der Maria
Braun" den WM-Sieg 1954 als den Gipfel der Verdrängung der NS-Zeit
ansah, hat Sönke Wortmann jetzt für seine Variante dieses historischen
Ereignisses einen anderen, weitaus versöhnlicheren Blickwinkel gefunden.
Möglicherweise könnte sein wohl dosiertes Heldentum sogar der Anfang
sein für ein neues nationales Selbstbewußtsein auf der Leinwand, ohne
gleich in unangenehme Deutschtümelei zu verfallen.
Wortmann zeichnet eine Gesellschaft der schmal gehungerten Opfer, die
langsam ihre seelischen Trümmer zusammenklaubt. Das mag man naiv finden,
doch man kann Wortmann nicht absprechen, dass er geschickt große Gefühle
beim Publikum wecken kann. Drei Erzählstränge hat er miteinander
verwoben, rund um das Spiel der Spiele am 4. Juli 1954 im Schweizer
Wankdorf-Stadion: Die Mannschaft, die vom ersten Training an allmählich
zu einer stimmigen Einheit zusammenwächst; eine Bergarbeiter-Familie,
die sich durch den erst jetzt aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrenden
Vater (Peter Lohmeyer) in ihrem Gleichgewicht gestört fühlt; und ein
frisch vermähltes Paar, dessen Hochzeitsreise ausgerechnet in die
Schweiz gehen muß.
Wortmann formt aus diesen drei Geschichten sein in sanfte Farben
getauchtes, historisches Märchen, das dank des clever konstruierten,
pointensicheren Drehbuchs einen sehr straffen Spannungsbogen aufweist.
Ein echtes Kunststück, schließlich verhält es sich mit der WM 1954 wie
mit der "Titanic" - jedes Kind weiß heutzutage, wie's ausging. Die
Geschichte der Familie des kleinen Matthias funktioniert gut als
emotionales Bindeglied zwischen den anderen Szenen rund um das anfangs
schauerliche Gekicke der Deutschen. Durch diese sehr gefühligen Passagen
wird aus einem Fußballfilm, gedreht von einem Ex-Fußballprofi,
tatsächlich ein stimmungsvoller Familienfilm, erzählt mit viel
nostalgischer Wärme, Augenzwinkern und einer schon fast an Besessenheit
erinnernden Sorgfalt.
Zwar gibt es bis auf den verbitterten Vater, der bei der Heimkehr seine
Frau nicht mehr erkennt, keinen Charakter mit Ecken und Kanten. Aber das
war noch nie Sönke Wortmanns Spezialität. Und statt hier mit dem Versuch
ausgereifter Figurenpsychologie zu scheitern, verlegte sich Wortmann
lieber gleich konsequent auf das, was ihm am meisten liegt: elegante
Bilderbögen für eine große Leinwand zu komponieren und eine Geschichte
zu erzählen, die man schlimmstenfalls als amüsante, stellenweise etwas
pathetische Unterhaltung diffamieren könnte. Aber wer will das noch tun,
wenn einem spätestens das hysterisch-begeisterte "Aus, aus, aus, aus,
das Spiel ist aus..."-Gebrüll des Reporters Herbert Zimmermann die
Tränen der Rührung in die Augen treibt? Sport, man ahnte es immer, ist
der allgegenwärtige Katalysator für echte Emotionen. Sönke Wortmann hat
mit seinem "Wunder von Bern" diesem Phänomen ein herrliches, würdiges
und anrührendes Denkmal gesetzt.
infos über den film im internet: [ bild.t-online.de ]
kinostart: 16. oktober 2003
[ Diese Filmkritik weiterempfehlen ]genre: Drama, Historischer Film, Sportfilm
länge: 117 min
Original: Das Wunder von Bern
Darsteller:
Peter Lohmeyer, Louis Klamroth, Lukas Gregorowicz,
Regie:
Sönke Wortmann,
Drehuch:
Sönke Wortmann, Rochus Hahn,
Drehjahr: 2003 FSK: 6
Starttermin: [ Offizielle Website ]
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Ein echtes Geschichtsdokument, perfekt inszeniert und spannend obwohl man das Ergebnis kennt!
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Perfekt gemacht, tolle altertümliche Fußballszenen!
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