"Theater ist, seit der Gottesdienst an Bedeutung verloren hat und an Wahrhaftigkeit, in unserer Gesellschaft der letzte Ort für Metaphysik ? durch das Fleisch und Blut der Menschen und die Materialität der Requisiten beglaubigt.
Die herrschende Ästhetik ist eine Autobahn: konstruiert, um von dem Terrain unterhalb der Schädeldecke, das zu uns führt, abzulenken. Ich gehe lieber barfuß in einer Landschaft, die der Wildnis meines Bewusstseins entspricht. Der Weg ist steinig. Die Steine sind schön. Unterwegs sein, wo es noch keine Landkarten der Seele gibt. Finsternis, und alle heilige Zeit etwas Licht der Blitze.
Schwach aber lebendig: mein Jetzt seit jeher. Was hab ich auch sonst bisher groß zusammengebracht: allenfalls den Kindertraum weiter getragen."
Werner Fritsch
"Cherubim" ist die Lebens- und Leidensgeschichte des über achtzigjährigen Bauernknechts Wenzel. Von ihm selber erzählt, erinnert und geträumt. In einer Sprache mit eigenem, störrischen Willen. Nachrichten von einem der immer wieder staunend seine Welt erschafft und nicht fertig wird mit ihr.
Werner Fritschs Text breitet in Gestalt Wenzels ein Leben am äußersten Rand unseres Jahrhunderts aus. Eine allzu kurze Kindheit im Lumpenproletariat einer kleinen Porzellanstadt, unausgesetzter Kampf ums Überleben von Kindesbeinen an, der Alltag von Hunger, Schmutz und Kälte, das Hochkommen eines Mannes, der für Wenzel noch heute "der Hiltler" heißt. Aber auch die Erinnerung an Affenhonig aus Böhmen, verwunschene Gesichte, erste Liebe, Geburten und die Gewissheit, "dereinst unter Cherubim" zu sein. In Wenzels Geschichten verwandelt sich Erinnerung in leibhaftige Gegenwart und die Vergangenheit in betretbaren Raum. Der erzählerische Atem reicht dabei von der Erschaffung der Welt bis in die Ewigkeit, von den "Gottengeln" bis zu den Kreuzottern auf den Sumpfwiesen, von Afrika bis nach Flossenbürg.