Er ist der Kino-Klassenkämpfer vom Dienst. Ken Loach, dessen verfilmte Gesellschaftskritik inzwischen mit Dutzenden Preisen dekoriert wurde, hat seinen Biss über all die Auszeichnungen und Jahre hinweg noch nicht verloren. Auch diesmal schafft er es wieder, dass der Zuschauer im Kino eine Menge zu tun hat. Loachs Filme lassen einen nie unbeteiligt, aber in 'It's A Free World', dessen Titel man nur als zynisch ansehen kann, treibt der Brite es auf die Spitze: Es gibt kein Schwarz oder Weiß, die Grautöne dominieren. Ständig verändert er seine Sicht auf die Dinge und vor allem auf seine schlicht und einfach großartige Hauptdarstellerin Kierston Wareing.
Die spielt die allein erziehende Mutter Angie. Eine selbst bewusste Frau aus bescheidenen Verhältnissen. Als sie sich den Annäherungsversuchen ihres Chefs entzieht, verliert sie die Stelle. Kurzerhand gründet sie mit ihrer Freundin Rose eine eigene Arbeitsvermittlungsagentur für Tagelöhner aus Osteuropa. Anfangs streben die beiden Frauen danach, ihr Unternehmen auf eine solide Basis zu stellen. Doch der Alltag diktiert andere Bedingungen, und das illegale Geschäft wirft bald Profit ab.
Natürlich geht es Loach einerseits darum zu zeigen, dass sich Angies mit besten Vorsätzen begonnenes Unternehmertum nicht sehr vom Sklavenmarkt der Antike unterscheidet. Ohne Rechte und Schutz tragen die Menschen ihre Haut zu Markte. Andererseits wirft Angie, anfangs ehrlich um ihre Kunden bemühte Jobmaklerin, wirft sukzessive ihre Skrupel über Bord, um erst den Gewinn und dann das eigene Überleben zu sichern. Angie, ursprünglich selbst Opfer des Systems, wird ebenfalls zur Ausbeuterin. Aber Loach ermöglicht keine einfache Lösung. Angie ist schwerlich zu verurteilen. Mag sie noch so skrupellos agieren - hätte sie eine Wahl gehabt? Auch sie verkauft das, was sie kann. Die Überlegung Brechts, wie man als Mensch in einer schlechten Welt gut bleiben kann, gewinnt eine neue Aktualität.
Wie immer denunziert Loach seine Figuren nicht, er rückt ihnen nur mit der Kamera auf die Pelle, um das kleine Augenflackern, das Wimpernflattern oder die verlegene Gestik einzufangen. Sein nüchtern gehaltenes aber niemals distanziertes, sondern von Wärme und Interesse für seine Figuren bestimmtes Dokudrama zeigt klar wie durch eine Lupe die Schattenseiten des globalisierten Kapitalismus. So geht es eben zu in einer Welt, in der ein Mensch immer weniger zählt und nur so viel wert ist wie seine Muskelkraft.